29.06.2020

Die Lehrter Straße im Wandel der Zeiten

Wer heute durch die Lehrter Straße flaniert, wird Schwierigkeiten haben sich vorzustellen, dass dieser Kiez im Herzen der Stadt noch vor 200 Jahren eine torfige Wiesenlandschaft außerhalb der Stadtmauer war. Die Straße selbst hieß deshalb Torfstraße und war kaum mehr als ein Trampelpfad, auf dem hin und wieder Bauern verkehrten. Die ältesten heute noch sichtbaren Bauten entstanden erst vor rund 160 Jahren, als das Stadtgebiet mit der Errichtung des Lehrter Bahnhofs nach Norden erweitert wurde. Aber man muss gar nicht so weit in der Geschichte zurückgehen. Auch wer den Kiez das das letzte Mal Anfang der Neunzigerjahre besuchte, wird vieles nicht mehr wiedererkennen.

Damals hatte die im Zweiten Weltkrieg schwer zerstörte Lehrter Straße, die zudem durch den Bau der Berliner Mauer in eine innerstädtische Randlage geraten war, zum ersten Mal eine gewisse Bekanntheit über die Bezirksgrenzen hinaus erreicht – zumindest unter jungen Leuten. Der Grund war die Wiederbelebung des 1911 errichteten Wertheim-Hauses, das einst als Keks- und Konservendosenfabrik gedient hatte, seit 1976 jedoch leer stand. 1991 wurde das Gebäude von Künstlern und Studenten mit Unterstützung des Berliner Senats als „Kulturfabrik“ wiedereröffnet. Sie begannen damit hier, im bis dahin kaum beachteten Ostteil Moabits, ein Kulturprogramm aufzubauen – mit Theater, Kino, Kinder- und Jugendarbeit und regelmäßigem Kneipenbetrieb.

Vor allem aber erwarb sich die Kulturfabrik schnell einen guten Ruf für Partys und Konzerte. An den Wochenenden strömten junge Menschen aus allen Teilen der Stadt herbei, um hier zu feiern. Die meisten davon kamen mit der S-Bahn und stiegen am Lehrter Stadtbahnhof aus, der später für den Bau des neuen Hauptbahnhofs abgerissen wurde. Von dort lief man die Lehrter Straße entlang, um zur Kulturfabrik zu kommen. Aus dieser Zeit ist sie nur als scheinbar endlose Straßenflucht erinnerlich zwischen dräuenden Gefängnisbauten links und einer langen Backsteinmauer rechts, schlecht beleuchtet und ein bisschen gruselig. Mehr eine Ausfallstraße als ein Ort im Zentrum der Stadt. Heute ist es kaum noch möglich, diese Erinnerung mit dem neuen Flair des Kiezes in Verbindung zu bringen. Sicher, die Gefängnisbauten sind noch da und harren weiterhin einer neuen Nutzung. Auch die Kulturfabrik sieht im Wesentlichen aus wie damals. Aber nahezu alles drumherum hat sich verändert, denn die städtebauliche Lücke, die Anfang der Neunziger noch zwischen dem nördlichen und dem südlichen Ende der Straße klaffte, ist heute weitgehend geschlossen.

Mit dem Geschichtspark Zellengefängnis Moabit ist am Südende der Straße ein faszinierendes Freiluftmuseum entstanden. An der westlich einmündenden Seydlitzstraße ziehen heute das Vabali Spa, das SOS Kinderdorf mit seinem Hotel Rossi und das DAV Kletterzentrum Publikum an. Der Sportpark wurde um zahlreiche Angebote erweitert, das historische Bühnengebäude aufwändig saniert und auf der an die Kulturfabrik anschließenden Brache ist ein großer Spielplatz entstanden. Er ist benannt nach der „Kiezmutter“ Klara Franke, die sich Anfang der Neunziger mit großem persönlichem Einsatz für die Entwicklung der Straße zu einem lebendigen Kiez stark machte. Vor allem aber erstrahlt die abweisende Ziegelsteinmauer heute in neuem Glanz und wurde an mehreren Stellen durchbrochen, um die Straße zum Quartier Mittenmang hin zu öffnen.

Mit dem Quartier ist das Leben auch in den vorher so düster erscheinenden Mittelteil der Straße zurückgekehrt: heute gehen hier wieder Menschen ein und aus. Noch ist der Umbau des Kiezes nicht abgeschlossen. Erst 2019 begann die Umgestaltung des Geländes der Berliner Stadtmission am Südende der Straße. Hier soll nun ein neues Zentralgebäude entstehen, in das das Stadtteilzentrum des Bezirks einzieht. Es soll eine offene Begegnungsstätte für Anwohner aus Moabit-Ost und der benachbarten Europacity sein. Auf 1.534 Quadratmetern werden hier Bildungs- und Freizeitangebote für alle Generationen und Bevölkerungsgruppen untergebracht.

Heute macht es Spaß, durch die Lehrter Straße zu spazieren, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Der düstere Eindruck der Mauerjahre und der frühen Neunziger ist verschwunden und der Kiez gehört in seiner gewachsenen Vielfalt zweifellos zu den spannendsten im Bezirk Mitte.