26.02.2020

Eine Insel mitten in Berlin

Die meisten Berlin-Touristen

haben, auch wenn

sie die Stadt zum ersten

Mal besuchen, eine recht

klare Vorstellung von einigen

der Berliner Ortsteile.

Nicht nur das alternative

Kreuzberg, Charlottenburg

mit seinem Kurfürstendamm

oder die historische

Mitte sind international

berühmt. Auch die Plattenbauviertel

von Marzahn-

Hellersdorf oder das

grüne Köpenick mit seiner

Geschichte vom falschen

Hauptmann sind vielen bekannt.

Mit Moabit dagegen

tun sich oft sogar echte

Berliner schwer. Wo fängt

das eigentlich an? Wo endet

es? Und was gehört alles

dazu?

Im alten West-Berlin hielten

manche Moabit fälschlicherweise

für einen Ortsteil

des Wedding, obwohl

es seinerzeit zum Bezirk

Tiergarten gehörte. Andere

verbanden mit dem

Begriff nur die gleichnamige

Justizvollzugsanstalt

zwischen Turmstraße

und Alt-Moabit.

Dabei ist

kaum ein Berliner Ortsteil

so klar und eindeutig umrissen.

Moabit ist nämlich

eine Insel. Im Süden ist es

die Spree, die seine Grenze

markiert, im Osten der

Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal,

im Norden der

Westhafenkanal und im

Westen der Charlottenburger

Verbindungskanal.

Seinen Anfang nahm Moabit

ab dem 13. Jahrhundert

als Viehweidelandschaft

für das nahe Berlin. Erst

ab 1717 siedelte der preußische

König Friedrich Wilhelm

I. hier französische

Hugenotten an, die Maulbeerbäume

für die Seidenraupenzucht

pflanzen

sollten. Doch der Moabiter

Boden erwies sich dafür

als ungeeignet, weshalb

schon König Friedrich II.

den Hugenotten eine andere

Lebensperspektive

eröffnete: In großflächigen

Zeltlokalen durften sie

fortan Ausflugsgesellschaften

mit Erfrischungen verköstigen,

insbesondere mit

Muckefuck oder „mocca

faux“ (falscher Kaffee), der

zu jener Zeit in Köpenick

produziert wurde. Aus

den Zelten wurden bald

feste Gasthäuser und parallel

entwickelte sich die

militärische Nutzung der

Gegend mit Pulvermühlen

und Exerzierplätzen.

Im Zuge der industriellen

Revolution siedelten sich

schließlich große Betriebe

wie die Borsigwerke oder

die AEG Turbinenfabrik

an, deren beeindruckende

Backsteinarchitektur bis

heute Teile des Stadtbilds

prägt. Zahlreiche schlesische

Arbeiter zogen in jenen

Jahren zu, und erst mit

ihnen entstanden die Mietshäuser-

Straßenzüge, wie

wir sie heute kennen.

Seinen Namen hat Moabit

jedoch von den französischen

Siedlern. Möglicherweise

lautete er ursprünglich

„terre de Moab“ - in

ironischer Anspielung auf

das gleichnamige biblische

Wüstenland, in dem sicher

auch keine Maulbeerbäume

wachsen wollten. Vielleicht

aber hieß die originäre

Form auch „mon

habit“ (meine Wohnstätte).

Zur heutigen stetig wachsenden

Beliebtheit dieses

besonderen Teils von Mitte

als Wohn- und Lebensmittelpunkt

würde das jedenfalls

deutlich besser passen.